25
Nov
2006

Der Mond in ihrer Hand

[Corinna ist für eine Weile verreist, wird also für eine Zeit selbst hier nichts mehr schreiben. Ich darf in dieser Zeit jedoch an Ihrer statt Erzählungen über sie hier schreiben. -John]

Sonne-Im-Herz ist ein großer Magier geworden. Einmal erzählte er über seine Lehrjahre an der Magierakademie in seiner Jugend folgende Geschichte:

Im zwölften Jahr an der Akademie hatte ich ein Erlebnis, welches mein ganzes Leben verändern sollte.

Nach der Vorlesung ging ich in den Garten der Akademie. Ich war verwirrt. Der Lehrer hatte uns von dem Weg erzählt, zu großer Kraft zu gelangen; von dem Weg, der es einem erlaube, große magische Werke zu vollbringen. Man müsse Meisterschaft über sich selbst erlangen. Sich beständig kontrollieren, so dass die Gedanken fokussiert bleiben. Beständig seine Triebe und Instinkte überwachen. Und über lange Zeit Energie sammeln und speichern. Doch dachte ich immer, es ginge irgendwie leicht. Seit vor der Zeit, wo ich sprechen gelernt habe, noch lange vor der Zeit, als man mich fand und zu der Akademie brachte, glaubte ich zu wissen, das Magie einfach ist, eine Art Spiel. Nach der Vorlesung fragte ich den Lehrer danach und erzählte ihm von meinen Überlegungen. Er antwortete, ich wäre nur zu faul und träge, nicht bereit, das nötige Opfer zu bringen. Ich sollte mich nur Abends immer mit meinen Übungen beschäftigen.

Im Garten sah ich Karina. eine junge Frau, die sich um die Blumen und den Kräutergarten kümmerte. Neben ihr stand, wie so oft ein kleines Körbchen mit Kräutern und Pilzen. Sie schien tief in ihre Arbeit versunken und ich dachte, sie hätte mich nicht bemerkt. Doch als ich an ihr vorüber ging, meinte sie zu mir:

"Was lastet auf deinen Gedanken, Sonne im Herz?".

Überrascht blieb ich stehen. Ich antwortete: "Ich hatte über die Magie nachgedacht. Wie man zu großer Kraft gelangen kann."

"Und? Wie gelangt man zu großer Kraft?"

"Du weißt doch, wir sollen nicht mit Menschen über die Magie reden, die nicht initiiert wurden." Was ich sagte, fühlte sich hart und abweisend an. So fügte ich hinzu:
"Verzeih, ich wollte nicht so grob sein. Es ist nur, ..." ich machte eine kurze Pause, in der sie das Wort übernahm:

"Gefallen dir die Kornblumen? Ich freue mich jeden Sommer blöd, wenn sie anfangen zu blühen."

Ehe ich noch etwas antworten konnte, hatte sie eine davon gepflückt und mir in die Hand gedrückt. Ich hatte es in dem Moment nicht so richtig gemerkt, aber der Anblick der Farbe hatte etwas tief in mir berührt.

"Ich möchte dir etwas zeigen. Komm in drei Tagen, wenn der Mond voll am Nachthimmel steht, zu mir in den Garten. Bring einen der Laternen mit den weißen Kerzen mit." Sie lächelte und ging, ehe ich ihr etwas erwidern konnte.

Drei Tage später machte ich mich zu später Stunde auf in den Garten. Ich fragte mich, was geschehen würde. Ich wusste von den anderen Eleven, dass man irgendwann in die fleischliche Lust eingeweiht werden würde. Doch niemand erzählte, was dabei genau passiert. Es würde einem nicht vorher gesagt, sondern man würde damit überrascht. Vielleicht war das der Grund? Ich hatte mich zumindest am Abend nochmals gewaschen und ein frisches Gewand angelegt. In der Rechten hielt ich die Laterne, die ich jedoch noch nicht angemacht hatte. Es ist ein relativ mächtiges Artefakt, das alles im wahren Licht beleuchtet und keine Trugbilder zulässt.

Ich fand sie unter der Eiche sitzend. Ich wollte etwas sagen, doch sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und winkte ihr zu folgen. Sie führte mich in eine abgelegene Gegend des Gartens, wo überall um uns herum Hecken und Gebüsch waren.

Sie setzte sich in das hohe Gras. "So, hier werden wir nicht gesehen. Du kannst nun die Laterne entzünden, sie wird dir gleich gute Dienste leisten. Und du brauchst nicht so nervös zu sein - die Frau, die zum ersten Male bei dir liegen wird, ist eine andere, deshalb bist du nicht hier."

Ich entzündete die Laterne, und in ihrem Licht wandelte sich das Aussehen der jungen Frau. Ihr Gewand erschien nun weiß. Ihre Haut hell und schien wie von einem inneren Licht zu leuchten. Ihr vormals dunkelbraunes Haar war nun golden, glich einem Wasserfall aus Licht. Entzückt blickte ich sie an. "Du bist wunderschön." Sie lächelte nur und sagte nichts.

Ich setzte mich zu ihr ins Gras. Nachdem wir eine Weile den bei Nacht wachen Insekten zugehört hatten, fuhr sie fort: "Ich glaube, du bist heute wieder Verwirrt von dem, was die Herren Lehrer euch erzählt haben."

"Ja," antwortete ich, "sie sprachen darüber, wie kräftig Zauber sein können, wie viel man bewirken kann. Dass dem Wirken keine Grenzen gesetzt seien. Meister Rote Hand meinte, dass es nur eine Frage des Glaubens ist, wieviel man levitieren kann. Er hob vor unseren Augen eine ganze Kutsche in die Höhe. Und er meinte, mit der richtigen Konzentration könne man sogar ganze Häuser und Felsen in die Luft heben. Meister sprach darüber, dass aller Raum verbunden ist, und es in Wahrheit keine Entfernungen gebe. Er führte uns die Teleportation vor. Und doch, obwohl ich all dies gesehen habe, fällt es mir so schwer, zu glauben, dass es keine Grenzen für die Magie gibt. Auch wenn es die Lehrer sagen, aber ein Haus ist so groß und wir so klein, und kann nicht verstehen, dass es möglich ist."

Scham überkam mich, dass ich ihr das alles erzählt hatte. Doch ehe ich etwas hinzusetzen konnte, sagte sie: "Ich weiß, ich bin nur die Gärtnerin, du solltest mir das alles nicht erzählen. Setzt dich einmal dort herüber."

Ich tat wie geheißen, der Mond war jetzt schräg hinter ihr. Sie sprach: "Es fällt dir so schwer ihnen zu glauben, nicht weil du einen Mangel in dir trägst, sondern weil sie selbst es nicht so recht glauben. Suche die Ursache nicht bei dir sondern bei ihnen. Sie mögen ihre Häuser heben, nach dem sie drei Tage meditiert haben. Doch stell sie vor ein Gebirge und sie werden verzweifeln. Sie mögen ihren Körper versetzen, doch frage sie, eine Armee zu versetzen und sie werden verzweifeln. Und nun schau her."

Sie sah mir direkt in die Augen. Da wusste ich, dass sie schon vor langer Zeit eingeweiht worden war. Dann sah sie nach hinten und streckte ihre rechte Hand nach dem Mond hinter ihr aus. Die Hand, die den Mond verdecken sollte, glitt hinter dem Mond vorbei. Sanft formte sie mit der Hand eine Mulde und legte sie um den Mond. Ein paar Mal drehte sie die Hand ein klein wenig, als wollte sie etwas lösen. Dann nahm sie die Hand herunter und in ihrer Hand war der Mond. In dem Maße, wie sie ihn herunternahm, schwand das Mondlicht im Garten. Und auch am Himmel, wo zuvor der Mond gehangen hatte, war jetzt nur Schwärze. Ich sah dem Mond in ihrer Hand im Licht der Laterne. Ich spürte die lunare Kraft, die von ihm ausging und wusste, dass es kein Trick, kein Trugbild und keine Illusion war, was ich da sah.

"Schau ihn dir an. Eine einmalige Gelegenheit, ihn aus der Nähe zu betrachten."

Nach einer Weile meinte sie: "Jetzt muss ich ihn zurückhängen. Die Menschen brauchen ihren Mond. Zu lange darf ich ihn nicht hier behalten." Und mit diesen Worten trug sie ihn zum Firmament zurück.

Ich war fassungslos. Ich hatte nie etwas gesehen, was damit vergleichbar gewesen wäre. "Aber mit dieser Macht könntest du die Welt beherrschen!"

Sie hatte inzwischen im zurückgekehrten Mondlicht eine Pusteblume gepflückt. "Ja," antwortete sie und pustete die Samen in den Wind. "Das könnte ich vermutlich," meinte sie, während sie den Butterblumensamen hinterher blickte. "Aber warum sollte ich?"

Ich sagte: "Dann könntest du alles haben, was du dir wünscht und alles machen, wonach dir gelüstet. Und du könntest die Welt nach deinem Willen formen."

Sie lachte und breitete die Arme aus. "Aber ich habe doch schon alles, was ich mir wünsche und mache, wonach mir der Sinn steht," meinte sie schließlich, "und die Welt ist auch schon in meinem Sinne geformt."

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